Gagarin und die Masse der Welt: Des Kinematographen Björn Reinhardt phänomenale Maramures-Trilogie

"TalWein" -
"Verlacht, vergraben & vergessen" -
"Gagarin" (Auszug)

© Ron Philippe A.D. MMV

"Die Grenzen meiner Sprache bedeuten die Grenzen meiner Welt" (Ludwig Wittgenstein)

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Gagarin ordnet und umgrenzt seine Welt mit seinen Mitteln, die er sich selbst zurechtgelegt hat. Er benutzt eifrig einen Apparat zur Kalkulation und ist mit einem Algorithmus zur Wochentagbestimmung vertraut, besitzt als einziger im Tal einen Videoapparat und zeichnet seine Landsleute damit auf, und nennt Bücher sein eigen und weiss daraus, dass viele Wörter der deutschen Sprache einem Hendiadyoin, das zu nahe aneinandergeraten ist, aufs Haar gleichen. Im Lichte obigem Wort Wittgensteins soll auf den bemerkenswerten Umstand hingewiesen werden, dass im ganzen Weintal kein TalWein bekannt ist. Ein solches kennt nicht einmal Gagarin, der sich in seinen nachmittäglichen Studien sicherlich einmal poetische Wolken aller Arten und Formen um seine bis dato kleinsten Teile herum denken und sich ausgemalt haben wird, dass seine deutschen Hendiadieun sich gerne vergaloppieren und beim nächsten Halt nicht als Sphingen, sondern als Kentauren dastehen.
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Die sinnliche Erfahrung jedoch von Masse muss in diesem Teil der Karpaten eine ausserordentliche sein, denn von den Kartographen haben wir nachweislich Kenntnis genommen, dass sie in den Maramures wenigstens zwei Täler und einen Ort mit dem Namen "Valea Vinului", sowie ein halbes, zudem gebrochenes Hendiadyoin "Vinului" auf ihre Blätter gesetzt haben und uns glauben machen, es seien dies alles Weintäler. Uns wundert das nicht, denn die Kartographen haben immer im Verdacht gestanden, Inseln zu erfinden, einzig um sie nach ihren Maîtressen zu benamsen. Wem müsste bei einer solchen Vervielfältigung von Namen dieses Schlages nicht wenigstens eine "Trilogie des Trinkens" in den Sinn kommen, ein fürstliches Triptychon, in Szene gesetzt, um den Menschen, die sich dort in einem solchen Labyrinth zurechtzufinden haben, die Ehre zu gewähren?
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Konsequenterweise müsste Gagarin mit dem Wägen des Valea Vinului beginnen, dann mit den Häusern Viseu de Sus', die, wenn nur ein Zehntel davon stimmt, was man sich im weiter entfernten Sighet erzählt, schon deutlich ausgebildete selenitische Tütenzelte darstellen, ebenfalls auf einem weissen Quader als horizontal aufscheinende Sockel in den Hang gestellt. Aber da nicht das Volumen, sondern die Masse gefragt ist, wird sich Gagarin wieder dem eigentlichen Thema zuwenden und immer genialere Balkenwagen und Apparate, welche ob ihrer Monstrosität und damit einhergehenden Obszönität selbst die turmhohe Statue eines Fürsten Bogdan Voda wie ein Senfkorn aussehen lassen, ersinnen und zum Einsatz bringen. Dann ist das andere Valea Vinului an der Reihe, dann das dritte, dann die Maramures, dann ganz Rumänien samt allen echten und gedachten Raketentrümmern, dann der Zentrumsraum des geographischen Mitteleuropas und dann, ja dann, die sibirische Ebene mit den gigantischen Flüssen eines Ob, Jenissei oder Lena, einmal im Sommer, einmal im Winter mit dem schweren Eisgang, alles einzeln und, zu Kontrollzwecken, noch zusammen auf die Waage gebracht, nur um all diesem eine einzige Zahl, nämlich die der Masse der Welt, zuzuweisen. Was wäre Gagarin ohne seinen Taschenrechner, unentbehrlichstes Handwerkszeug für diese herkulische Herausforderung! Er hat wohl daran getan, sich daran einen kleinen Vorrat anzulegen, solange dieser diffizile Elektronenfluss unter der Last der sibirischen Giganten zusammenzubrechen droht.
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Jede Welt hat ihre eigenen Grenzen, jene des Kartographen, die des Kinematographen und die des Kosmographen Gagarin. In einer jeden von ihnen scheinen auch Bilder auf, die anderen unzugänglich sind und ergo ein unbelastetes Eigenleben führen - wir sprechen wie selbstverständlich von Bildern, weil wir, im Sinne eines Axioms menschlichen Tuns, wohl davon ausgehen dürfen, dass jeder einen Drang verspürt, seine Taten auch zu zeigen. Bilder können sich wie das Valea Vinului auf einer groben Karte gebärden - man sieht es nicht, aber trotzdem ist ein Weintal da. Das TalWein ist da, aber nur innerhalb der Grenzen Björn Reinhardts, so dass Gagarin es nicht sieht, auch wenn er mitten drin steht. Ein anderes beredtes Beispiel stellt der Nachbar Gagarins dar, der eines Tages, wie aus heiterem Himmel, eine Schubkarre erfindet, also etwas in seiner ihm eigenen Welt gebiert und dann nach aussen trägt.
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Nun, in nuce, aus all unseren basalen Überlegungen zu dieser kleinen Betrachtung der Durchlässigkeit von Grenzen und deren Fixierung heraus müsste man auf einen Film hoffen dürfen, der sich ruhig und wohl proportioniert gibt, durchaus mit Eskapaden, wie ja auch die sibirischen Flüsse, von nahe betrachtet, für einige Überraschungen gut sind.
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Ein schwieriges Unterfangen, meint man, kaum zu bewerkstelligen, wenn man nur schon an die Kamera von Jean-Luc denkt und dass das doch erst der Anfang ist! Björn Reinhardt gelingt dies alles jedoch so mühelos, dass wir uns fragen müssen, ob er uns nicht gleich von Anfang an mitten in den Garten seiner Imagination gesetzt hat und wir fröhlich den Grenzen unserer Welt entlangtappen, da wir keine der Begrenzungen ahnen.